Wir betreiben intellektuelle Bulimie

Es ist ja nichts neues, dass das Bachelorsystem der letzte S*****, pardon – Unsinn ist, aber in letzter Zeit wird mir das so richtig bewusst. Ich fühle mich momentan ein wenig wie der Bachelorstudent in folgendem Video:

Dazu gibt es auch noch einen ersten Teil, eben die „Diplom-Story“, mal so zum Vergleich.

In meiner Mathevorlesung vor zwei Wochen saß ich so multitaskmäßig mit zwei Blöcken da. In dem einen habe ich die Vorlesung mitgeschrieben und in dem anderen, sobald mein Prof die Kreide mal kurz abgesetzt hatte, habe ich meinen Stoff für eine Klausur abgeschrieben, den ich dann die Tage darauf in mich reingeprügelt habe. Nichts da mit Verständnis oder so. Wo kämen wir denn dahin, wenn ich für mein Leben lernen würde. Nein, das war stures Auswendiglernen, eben zum „Wiederauskotzen“ nach der Klausur.

Jedenfalls schreibe ich heute eine weitere Klausur, in Geografie. Unser Prof meinte von sich aus, dass alle Lehramtsstudenten im Prinzip sinnlos in seiner Vorlesung sitzen würden, eben weil sie den Stoff nie wieder in ihrem Leben brauchen würden. Aber seine Vorlesung steht nun mal auf unserem Bachelorpflichtprogramm, weiß der Geier warum. Immerhin ist unser Prof so menschlich und lässt uns eine „nur-bestehen-Klausur“ schreiben. Nichtsdestotrotz ist es wieder stures Reinprügeln von komplexen Inhalten, die ich an dieser Stelle sogar nie wieder brauchen werde – und mich auch nicht sonderlich interessieren. Daher habe ich mir nur das wichtigste angeschaut und gehe somit nur zur Klausur, um eventuell auf gut Glück mit 4,0 zu bestehen – was ich niemals schaffen werde – und um mir die Fragen einmal genau anzugucken, zur besseren Vorbereitung für die Nachschreibeklausur im Oktober. Ich gebe zu, ich habe einfach keine Zeit zum Lernen. Übermorgen schreibe ich Mathe. Das ist Stoff, den ich für mein Leben brauche und worauf ich auch eine Note bekomme.

Wie ihr seht, muss man als Bachelorstudent bestimmte Prioritäten setzen, Abstriche machen und auch mal eine 5,0 als Klausurergebnis in Kauf nehmen. Man lernt so einiges, was man gar nicht lernen will, aber muss. Klar, so war es bereits auch in der Schule, aber ein Studium sollte auf Interessen aufgebaut sein. Ich würde gerne andere Kurse belegen, die mich in meinem späteren Beruf weiterbringen und keine Module abarbeiten, wo selbst der Prof sich fragt, warum wir überhaupt da sind.

Mal an die Bachelors unter euch: Geht es euch (teilweise) genauso oder ist das studiengangsabhängig? Was würdet ihr gern ändern wollen oder seid ihr zufrieden? (Es dürfen natürlich auch alle anderen ihre Meinung äußern. :razz: )

4 Antworten zu “Wir betreiben intellektuelle Bulimie”


  1. 1 Nadine

    Ich kenn das auch so, man haut sich wie blöd Zeugs für eine Klausur in den Kopf, das meiste auswendig gelernt und hats spätestens ne Woche nach der Klausur wieder vergessen.
    Aber das was ich denke, was ich für meinen Beruf wirklich brauche, wird zwar auch angeboten, aber meiner Meinung nach zu wenig. Ich will ja später mal in die Beratung geehn und was habe ich über das Gespräche führen gelernt??? So gut wie nichts, außer ein Wochenendseminar. Und damit werde ich später mal auf die Menschheit los gelassen.

    Mein Prof war aber total entrüstet wegen der Bezeichnung Bulimie-Studium. Er ist der Meinung, dass das gar nicht stimmt. Nur komisch, dass ich für seine Prüfung so viel lernen musste und trotzdem wegen den adneren Prüfungen, für die ich auch lernen musste, nur eine 3,0 bekommen hab.

  2. 2 Christin

    Bei mir ist es ähnlich. Dieses Semester hatte ich wirkliches Glück mit meinem Klausurplan, eine Klausur war mitten im Semester (Schlüsselqualifikation und wir mussten zum Glück nur 20 Seiten Skript lernen), zwei weitere in der letzten Vorlesungswoche, BiWi war dann letzte Woche.
    Die Grundschullehrer hatten aber zum Beispiel BiWi, Mathe und Deutsch in einer Woche.

    In Französisch mache ich eigentlich nichts, was mir mal im Beruf helfen würde, da kommt dann immerhin im 6. Semester die Fachdidaktik, bei Deutsch wird es wohl so ähnlich aussehen – mit dem kleinen Unterschied, dass man da Kenntnisse in Literaturwissenschaft schon ab der 8. / 9. Klasse anbringen kann – bei Französisch geht das höchstens im Leistungskurs, und da fehlt dann meistens die Zeit.

    Selbst in BiWi mussten wir großteils unverwertbaren Stoff auswendig lernen. Donnerstag wusste ich noch diverse preußische Reformen mit Jahreszahlen auswendig, mittlerweile ist da gar nichts mehr. Während der Klausur brauchte ich es auch nicht – Ist ja irgendwo auch klar, dass von 100 Seiten Skript nicht alles abgefragt werden kann, nur dann könnte man wenigstens brauchbare Schwerpunkte setzen.
    Aber neeeeeiiin, wir haben die Klausur ja ganz modern am Computer geschrieben, jeder hat andere Fragen gestellt bekommen und da muss man bei knapp 300 Lehramtlern einfach einen möglichst großen Fragenpool erstellen, ist ja egal, wenn der erfragte Stoff nie Bestandteil eines Seminars oder einer Vorlesung war und allgemein auch gar nichts mit Bildungswissenschaften zu tun hat. Eine Kommilitonin wurde nach den Jahreszahlen für irgendwelche Kriege in der griechischen Antike gefragt.

  3. 3 Katha

    Der Bachelorabschluss soll es erleichtern, eine Zeit lang im Ausland zu studieren. Doch wie sieht die Realität aus? Viele haben für ein Semester im Ausland keine Zeit mehr, weil das bei vielen ja doch zu einer langen Party wird, anstatt einem Studium, bei dem viele credit points für zu Hause eingesammelt werden

  4. 4 Der MfG

    Nicht nur, dass Bachelor-Studenten keine Zeit haben um im Ausland zu studieren, es fehlt durch die Studiengebühren auch noch Geld dazu.

    Mir geht es ähnlich stressig wie im Post und den Kommentaren beschrieben. Ich bin in eingen Fächern schon zufreiden, wenn ich einfach nur bestehe, nur damit ich es nicht nochmal anmelden muss und nochmal schrieben und vor allem nochmal dafür lernen muss … aber was bekomm ich dann für nen Schnitt am Schluss – es ist zum Kotzen.

    Das video ist übrigens als studentisches Projekt bei mir an der HdM Stuttgart entstanden

Mitreden?